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<!-- Copyright Christian Classics Ethereal Library -->
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			<description>Socrates and the Old Church: A Speech on Taking Office in the Rectorate, held in the Auditorium of the Royal Frederick-William University on the 15th of October 1900.</description>
			<pubHistory>Berlin: Gustav Schade (Otto Francke) 1900</pubHistory>
			<comments>Page images provided by Google</comments>
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			<publisherID>ccel</publisherID>
			<authorID>harnack</authorID>
			<bookID>sokrates</bookID>
			<workID>sokrates</workID>
			<bkgID>sokrates_und_die_alte_kirke_rede_beim_antritt_des_rectorates_gehalten_in_de_aula_der_kÃ¶niglichen_friedrich_wilhelms_universitÃ¤t_(harnack)</bkgID>
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				<DC.Title>Sokrates und die alte Kirke: Rede beim Antritt des Rectorates gehalten in de Aula der
				Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität.</DC.Title>
				<DC.Title sub="short">Sokrates</DC.Title>
				<DC.Creator scheme="short-form" sub="Author">Adolf Harnack</DC.Creator>
				<DC.Creator scheme="file-as" sub="Author">Harnack, Adolf (1851-1930)</DC.Creator>
				<DC.Publisher>Grand Rapids, MI: Christian Classics Ethereal Library</DC.Publisher>
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				<DC.Subject scheme="ccel">All;</DC.Subject>
				<DC.Date sub="Created">2007-01-17</DC.Date>
				<DC.Type>Text.Monograph</DC.Type>
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    <div1 id="i" next="ii" prev="toc" progress="2.15%" title="Title Page">
<pb id="i-Page_1" n="1" />

<h1 id="i-p0.1">Sokrates und die alte Kirche.</h1>
<div id="i-p0.2" style="margin-top:1in; margin-bottom:1in; line-height:150%">
<h1 id="i-p0.3">Rede</h1>
<h2 id="i-p0.4">beim Antritt des Rectorates</h2>
<h3 id="i-p0.5">gehalten in der Aula</h3>
<h3 id="i-p0.6">der</h3>
<h2 id="i-p0.7">Könglichen Friedrich-Wilhelms-Universität</h2>
<h2 id="i-p0.8">am 15. October 1900</h2>
<h3 id="i-p0.9">von</h3>
<h2 id="i-p0.10">Adolf Harnack.</h2>
</div>
<h3 id="i-p0.11">Berlin 1900.</h3>
<h3 id="i-p0.12">Buchdruckerei von Gustav Schade (Otto Francke) in Berlin N.</h3>

<pb id="i-Page_2" n="2" />
<pb id="i-Page_3" n="3" />
</div1>

    <div1 id="ii" next="iii" prev="i" progress="2.77%" title="Sokrates und die alte Kirke. Rede beim Eintritt des Rectorates gehalten in der Aula der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität  am 15 October 1900.">
<div id="ii-p0.1" style="margin-left:1in">
<p class="normal" id="ii-p1" shownumber="no">Collegen! Commilitonen!</p>
<p class="normal" id="ii-p2" shownumber="no">Hochansehnliche Versammlung!</p></div>

<p class="normal" id="ii-p3" shownumber="no">Die akademische Sitte weist den Rector an, das neue Studienjahr 
mit der Betrachtung eines wissenschaftlichen Problems von allgemeiner Bedeutung 
zu eröffnen. Indem ich dieser Sitte folge, lade ich Sie ein, sich mit mir in ein 
entferntes Zeitalter zu begeben. Fürchten Sie aber nicht, dass ich Sie aus dem hellem 
Tag, der uns strahlt, in ein unfreundliches Dunkel führe. Nur die Geschichte, 
die noch nicht vergangen ist, die ein Theil unserer Gegenwart ist und bleibt, hat 
Anspruch darauf, von Allen gekannt zu werden, und für eine Episode aus dieser Geschichte 
erbitte ich mir Ihre Theilnahme.</p>
<p class="normal" id="ii-p4" shownumber="no">Wie sich die christliche Religion und die griechische Philosophie, oder dass ich besser sage: die griechische Cultur, gefunden und mit 
welchen Augen sie sich betrachtet haben in dem Momente, als eine der anderen zuerst 
aufleuchtete, wie sie dann ihre Schätze verglichen haben und Einiges nun in doppeltem Lichte strahlte, Anderes aber erlosch — das ist ein Schauspiel, das zurückzurufen der Betrachtende nie müde werden kann. Aber nicht 
nur wie ein Schauspiel steht es vor seinen Augen. Die Werthe, die ihn bewegen in 
Gefühl und That, in der tiefsten Empfindung und in der höchsten Anspannung des Eigenlebens, 
und wiederum in Familie und Beruf, in Kirche und <pb id="ii-Page_4" n="4" />Staat — alle die Werthe, die den eigentlichen Sinn des Lebens 
ausmachen, sind geprägt worden in jenem widerspruchsvollen Bunde, der in dem zweiten 
und dritten Jahrhundert zwischen Griechenthum und Christenthum geschlossen worden 
ist.</p>
<p class="normal" id="ii-p5" shownumber="no">In der That eine Concordia discors, denn von beiden Seiten empfand 
man Gemeinsames und bemerkte doch Trennendes. Das Gemeinsame waren Güter, aus dem 
Trennenden entwickelten sich Aufgaben: so sind die Spannungen nicht minder wirksam 
und segensreich geworden als der doppelt versicherte Besitz.</p>
<p class="normal" id="ii-p6" shownumber="no">Dort wie hier aber war es je eine Persönlichkeit, in der alles 
Hobe zusammengefasst, begründet und verwirklicht erschien. Für das Christenthum 
ist das ohne Weiteres klar: in der Person Christi wurde das neue Leben mit allen 
seinen Gütern angeschaut. Aber auch das Griechenthum, sofern es sich als Erhebung 
über das sinnliche Leben, als ideale Weltanschauung und ernste Sittlichkeit darstellte, 
besass einen führenden Heros. War er auch nicht so ausschliesslich der Führer wie 
Jesus Christus, so war er doch die Grösse, vor der bald jeder Grieche sich beugte 
und die er als den Begründer eines höheren Lebens verehrte — Sokrates. Jesus Christus 
und Sokrates: die beiden Namen bezeichnen die höchsten Erinnerungen, welche die 
Menschheit besitzt. Zwar war es Sokrates nicht beschieden, wie Philo, Josephus und 
Virgil, eine Stelle unter den Kirchenvätern zu erhalten, aber etwas viel Grösseres 
hat die Geschichte ihm gespendet. Sie hat seinen Namen, wenn auch in weitem Abstande, mit dem Jesu Christi verbunden. Vom zweiten Jahrhundert ab steht diese 
Verbindung vor den Augen der einpfindenden und denkenden Menschheit als Consonanz und als 
Dissonanz, vor Allem 
als ein wundervolles Problem, an dem sich jedes Jahrhundert hat versuchen müssen. 
Denn es giebt Probleme <pb id="ii-Page_5" n="5" />in der Geschichte, die niemals erledigt werden und die jede Generation 
neu anfassen muss. Zugleich aber lässt sich hier mit Händen greifen, dass es in 
der Geschichte der Gedanken die Personen sind, welche die Geschichte machen. Gewiss, 
sie kamen, weil die Zeit erfüllt war, aber die Weisheit, welche lehrt, dass sie 
kommen mussten, steht auf der Höhe der Einsicht, dass überhaupt Alles so gekommen 
ist, wie es kommen musste.</p>
<p class="normal" id="ii-p7" shownumber="no">Christus und Sokrates — unter diesem Titel kann man ein grosses 
Stück der Geistes- und Religionsgeschichte von zwei Jahrtausenden beschreiben. Wie 
ernsthaft hat sich noch das vorige Jahrhundert um dies Problem bemüht — seine Dichter, 
seine Philosophen und seine Aufklärer! Hamann’s Tiefsinn, Mendelssohn’s und 
Eberhard’s klare Verständigkeit, Matthias Claudius’ bewegliche Mitempfindung, Wieland’s 
weltmännischer Blick, Klopstock’s Begeisterung haben sich an dem Probleme versucht. 
Einst war Portia’s, der Gattin des Pilatus, Traum, in welchem ihr Sokrates erschien, 
allen gebildeten Deutschen bekannt, und der Dichter des Messias ist um dieser ergreifenden 
Episode willen aufs höchste gepriesen worden. Aber auch noch in unserem Jahrhundert, 
in welchem Weltanschauung, Wissenschaft und Dichtung immer mehr auseinandergetreten 
sind und der Poet, ja selbst der Philosoph, selten mehr um die höchste Palme ringt, 
ist das Problem nicht ganz vergessen. Mau braucht auch kein Prophet zu sein, um 
verkündigen zu dürfen, dass es uns in den nächsten Jahrzehnten wieder mit ganzer 
Macht beschäftigen wird.</p>
<p class="normal" id="ii-p8" shownumber="no">Aber nicht die lange Kette jener Bemühungen gedenke ich Ihnen 
vorzuführen, sondern, zum Anfang zurückkehrend, möchte ich Ihre Theilnahme für die 
Frage erwecken, wie von den Christen im vorkonstantinischen Zeitalter Sokrates empfunden 
und betrachtet worden ist.</p>
<pb id="ii-Page_6" n="6" />
<p class="normal" id="ii-p9" shownumber="no">Darf ich Sie zunächst an einige Hauptzüge des grossen Philosophen 
erinnern? Bei Griechen und Römern lebte er fort ausschliesslich in dem Bilde, welches 
Plato von ihm gezeichnet hatte. Dieses Bild hatte nicht nur seine Verklärung und 
Weibe, sondern auch seinen wesentlichen Inhalt durch den Tod empfangen. Sieht 
man von diesem ab, so erscheint Sokrates als ein Sophist im höheren Sinn des Worts, 
der es verstand, seine Gegner mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Wie sie beseitigte 
er die objective Speculation; wie sie hatte er nur für das Individuum in seinem 
intellectuellen und moralischen Zustande Interesse; wie sie lehnte er es ab, aus 
der Sitte und Ueberlieferung die Entscheidung über das Pflichtmässige zu treffen; 
endlich wie bei ihnen führte auch bei Sokrates die vernünftige Ueberlegung noch 
nicht zu einem systematischen und geschlossenen Wissen, sondern das begriffliche 
Denken war ihm nur ein Princip von Fall zu Fall. Aber freilich, an einem entscheidenden 
Punkte unterschied er sich von deli Sophisten: die vernünftige Ueberlegung führte 
ihn nicht auf den jedesmaligen eigenen Vortheil des Individuums, sondern letztlich 
auf etwas Allgemeines, Bleibendes, eine Art von kategorischem Imperativ. In diesem Sinn 
schloss sich doch bei ihm das Denken zu einer Einheit, einer Art von Weltanschauung 
zusammen, deren Ausgangspunkt das Innenleben war und die von einem idealen und ethischen 
Gedanken beherrscht wurde. Aber wie wenig war diese Lehre an und fair sich noch 
im Stande, wie ein Evangelium zu wirken und epochemachend einzugreifen! Das wesentliche 
Element fügte Sokrates ihr erst durch seinen Tod hinzu. Der Kerker and der Schierlingsbecher 
sind die eigentlichen Mittel seiner Philosophie gewesen; denn durch sie hob er seine 
Lehre aus dem Gebiet der dialektischen Kunst und blosser Worte auf die Höhe der 
That und verlieh dem ideellen Gedanken schlechthin Autorität <pb id="ii-Page_7" n="7" />und Objectivität. So ist es von Plato, so von den Tausenden nach 
ihm empfunden worden. In die griechische Welt, in diese heitere Welt der Sinnenfreudigkeit 
und des Genusses, hat Sokrates die Gewissheit und den Ernst eines höheren Lebens 
gebracht — der sterbende Sokrates, nicht der lehrende, oder der lehrende nur insofern, 
als er in der Todesstunde lehrte.</p>
<p class="normal" id="ii-p10" shownumber="no">Die Anklage, um deren willen er verurtheilt worden war, erhielt 
hierdurch einen gam neuen. Sinn. Verurtheilt worden war er, weil er neue Götter 
lehrte und weil er die Jugend zum Ungehorsam gegen die Eltern und Staatsgesetze 
verführte: so behauptete die demokratische Reaktion, deren politisches Opfer er 
geworden war. Seine Schüler und Verehrer mussten umgekehrt überzeugt sein, dass 
eben das das Gerechte und Gute sei, um dessen willen man ihn verurtheilt hatte. 
Eine vollständige Umwerthung der Werthe war damit gegeben: unbekümmert um den. Staat, 
um Sitte und Gewohnheit sich lediglich von persönlicher Ueberzeugung und freier 
Selbstentscheidung leiten zu lassen, der sittlichen Prüfung nach den höchsten 
Maassstäben und der innern Stimme allein zu folgen, das ist das Gute. Und noch etwas 
— Leiden, Entbehrung, Verfolgung, der Tod sind keine. Uebel, sondern können in 
Quellen der Kraft verwandelt werden; das irdische Leben ist der Güter höchstes nicht, 
denn es hat ein höheres Leben in sich und über, sich; endlich, selbst die Staatsgötter, 
die olympischen Götter alle, verblassen an Macht und Autorität vor dem Gott, der 
tief das innerste erregt. Das sind die Empfindungen und Ueberzeugungen, die Sokrates 
durch seinen Tod in der Antike entbunden hat. und die die Grundpfeiler einer neuen 
Weltanschauung iu Griechenland geworden sind.</p>
<p class="normal" id="ii-p11" shownumber="no">Es bedarf nicht vieler Worte, damit man erkenne, wie verwandt das 
alles die Christen berühren musste. Je einfacher <pb id="ii-Page_8" n="8" />und reiner sie ihren eigenen Besitz empfanden, um so deutlicher 
musste ihnen die Uebereinstimmung sein. Aber andererseits — wie gross war doch wiederum 
der Unterschied! Dieser Sokrates verlegte alle höheren Güter in das Gebiet der Erkenntniss; sie, die Christen, aber waren angewiesen, alle menschliche 
Erkenntniss misstrauisch zu betrachten. Er rief zum Wissen, sie aber zum Glauben. 
Er liess die Götter gelten; sie aber betrachteten sie als Dämonen. Er zeigte den 
Weg zur Selbsterlösung; sie kannten einen Erlöser und hofften auf ihn. Wie können 
so viele Gegensätze bestehen bei soviel Gemeinschaft?</p>
<p class="normal" id="ii-p12" shownumber="no">Ein Jahrhundert lang hören wir in christlichen Kreisen nichts 
von Sokrates, nicht einmal den Namen. Paulus schweigt über ihn, obschon er von griechischer 
Philosophie nicht ganz unberührt geblieben ist. Auch im Gefängniss erinnert er sich 
nicht an den verhafteten Philosophen. Nicht einmal die Legende hat es gewagt, dem 
Apostel ein Uriheil über Sokrates in den Mund zu legen, obschon sie ihn mit Seneca 
zusammenbringt. „Wenn unsere Bekenner etwas Tödtliches trinken, wird es ihnen nicht 
schaden“, bezeugen die Christen; aber Sokrates erwähnen sie nicht. Erst um dis Mitte 
des zweiten Jahrhunderts wird sein Name in unseren Quellen zum ersten Mal genannt, 
und von nun an verschwindet er nicht mehr.</p>
<p class="normal" id="ii-p13" shownumber="no">Es sind die christlichen Apologeten gewesen, die ihn aufgenommen 
haben, jene Männer, die das Christenthum auf den Boden der griechischen Philosophie, 
ja überhaupt des Griechenthums, hinüber pflanzten. Und — dass ich es gleich sage 
— der Erste, der dies mit ungemeiner Energie gethan hat, ist zugleich derjenige, 
der Christus und Sokrates einander am nächsten gerückt hat, der Apologet Justin. 
Um das Jahr 150 hat er eine umfangreiche Vertheidigungsschrift für das Christenthum 
an die Kaiser Antoninus Pius und Marc Aurel, an den Senat und das ganze römische <pb id="ii-Page_9" n="9" />Volk gerichtet. In dieser Schrift streift er nicht nur Sokrates 
und seine Lehre, sondern die Beziehung auf sie bildet vorn ersten bis zum letzten 
Blatt ein Hauptmittel der Vertheidigung und des Beweises. Er weiss, dass seine kaiserlichen 
Adressaten Sokrates über Alles schätzen; deshalb hat er seine Schrift durchflochten 
mit platonischen Citaten und mit Anspielungen auf die letzten Reden des Philosophen. 
Aber er selbst ist als Christ ein Verehrer des Sokrates geblieben, und darum argumentirt 
er zuversichtlich und unbefangen von ihm aus für die Christen und fur Christus. 
Wir Christen alle erleiden heute das, was Sokrates erlitten hat, weil wir wie er 
denken und handeln; wir sind mit ihm ungerecht verurtheilt; wir sind mit ihm im 
Kerker; wir werden mit ihm getödtet und — wir sind mit ihm unverwundbar; denn Anytus 
und Meletus können uns wohl tödten, aber schaden können sie uns nicht. Das ist keine 
Rhetorik, das ist auch nicht zufällige Uebereinstimmung, nein —Justin ist tief davon 
durchdrungen, dass sich in der Verurtheilung der Christen die Verurtheilung des 
Sokrates wirklich fortsetze. Diese Ueberzeugung muss er beweisen, und er beweist 
sie; denn so lauten seine Worte: „Als Sokrates die Menschen von den Dämonen abzuwenden 
versuchte, da haben es diese dahin gebracht, dass er als ein Gottesleugner und Frevler 
sterben musste; denn sie liessen die Behauptung verbreiten, er führe neue Gottheiten 
ein. Dasselbe thus sie heute uns gegenüber; denn nicht nur bei den Griechen hat 
der Logos die falsche Religion durch Sokrates widerlegt, sondern auch bei den Barbaren 
ist dies geschehen. Dort aber ist er persönlich erschienen und hat als Jesus Christus 
die Dämonen überwunden.“ Und an einer anderen Stelle: „Alle die mit dem Logos gelebt 
haben, die waren Christen, wenn sie auch als Gottesleugner galten, wie unter den 
Griechen Sokrates.“ Und an einer <pb id="ii-Page_10" n="10" />dritten: „Unter allen Philosophen 
ist Sokrates der beste gewesen; denn er hat Homer und die Götter der Dichter 
verschmäht, dagegen die Menschen angewiesen, den unbekannten Gott mittelst des 
Logos zu suchen und zu erkennen; er selbst hat Christus zum Theil erkannt; denn 
Christus ist die persönliche Erscheinung des Logos, der jedem Menschen inne 
wohnt.“</p>
<p class="normal" id="ii-p14" shownumber="no">Sokrates und Christus gehören also zusammen und werden von Justin 
der griechischen Religion eutgegengesetzt. Sie gehören aber zusammen, weil ein und 
derselbe Logos in Beiden gewaltet hat.</p>
<p class="normal" id="ii-p15" shownumber="no">Enger kann man die Verbindung nicht fassen; aber Justin ist dabei 
nicht blind gegenüber dem Unterschied. Dieser Unterschied ist ihm ein gewaltiger; 
denn, so fuhrt er aus: Sokrates war nur ein Werkzeug des Logos, in Christus aber 
ist dieser selbst erschienen; weiter, Sokrates hat die Wahrheit nicht vollständig 
und rein erkannt, denn er besass nicht den ganzen Logos; endlich „dem Sokrates hat 
Niemand solchen Glauben geschenkt, dass er für seine Lehre gestorben wäre, für Christus 
aber gehen nicht nur Philosophen, sondern auch Handwerker und ganz ungebildete Leute 
in den Tod“. Diese letzte Wendung ist ganz besonders lehrreich: Justin vermeidet 
es, die so nahe liegende Parallele zwischen dem Tod des Sokrates und dem Tod Christi 
zu ziehen. Dagegen stellt er das Verhalten der Jünger Beider in einen Gegensatz 
und erschliesst aus ihm die einzigartige Kraft der Predigt Jesu.</p>
<p class="normal" id="ii-p16" shownumber="no">In Hinsicht auf Reinheit, Universalität, Fasslichkeit und Ueberzeugungskraft 
also steht dem Justin das Christenthum hoch über der sokratischen Lehre; aber kein 
Zweifel — Sokrates und seine Philosophie gehören auf die Seite der Wahrheit und nicht 
auf die Seite des Irrthums, darum zu Christus und nicht zum Heidenthum. Aehnlich 
wie Justin haben auch die übrigen <pb id="ii-Page_11" n="11" />griechischen Apologeten geurtheilt, die etwas später geschrieben 
haben. Sie streifen die Person des Sokrates zwar nur, und er steht ihnen nicht im 
Mittelpunkt des Interesses, aber sie verehren ihn. Tatian schildert das ganze Griechenthum 
mitsammt seinen Philosophen in den düstersten Farben, aber Sokrates nimmt er aus: 
„Es giebt nur einen Sokrates.“ Athenagoras stellt wie Justin die Christen mit dem 
athenischen Philosophen zusammen: „Wie dieser durch die öffentliche Meinung nichts 
von seiner Vortrefflichkeit einbüssen konnte, so vermag auch uns Christen die grundlose 
Verleumdung in Bezug auf die Reinheit unseres Lebens nicht zu schaden.“ Der Philosoph 
Apollonius erinnert seine Richter, die römischen Senatoren, an die berühmte Stelle 
aus Plato, wo dieser von dem wahrhaft Gerechten weissagt, er werde gegeisselt, gefoltert, 
geblendet und zuletzt aufgepfählt werden. Dann fährt er fort: „So wie die athenischen 
Ankläger über Sokrates ein ungerechtes Todesurtheil abgegeben haben, so haben die 
Gottlosen auch über unseren Meister und Erlöser das Verdammungsurtheil gefällt; 
denn die Gerechten sind den Gottlosen stets verhasst.“ Nur einen alten griechischen 
Apologeten giebt es, der hier eine Ausnahme macht und Sokrates einfach in das blinde 
Heidenthum einrechnet. Es ist gewiss nicht zufällig, dass dieser Eine zugleich ein 
Bischof gewesen ist — Theophilus von Antiochien. Er stösst sich daran, dass Sokrates, 
wie die Ueberlieferung sagt, bei dem Hunde und der Platane zu schwören pflegte, 
und schloss daraus, dass er nichts von der Wahrheit erkannt habe, und dass daher 
auch sein Tod sinn- und zwecklos gewesen sei. Jene Schwüre des Sokrates mussten 
freilich seinen christlichen Verehrern sehr unangenehm und bedenklich sein, aber 
sie wussten sich mit ihnen abzufinden. Lediglich um die Athener und ihren Glauben 
zu verspotten, meinten sie, habe Sokrates solche Schwurformeln gebraucht. So gewiss 
waren sie, dass der Mann, der, <pb id="ii-Page_12" n="12" />wie die christlichen Bekenner, fur seine Lehre gestorben war, unmöglich im Götzendienst 
stecken geblieben sei.</p>
<p class="normal" id="ii-p17" shownumber="no">Er war für seine Lehre gestorben und die Christen starben für 
ihre Lehre — diese Uebereinstimmung hat selbst die gebildeten Gegner des Christenthums 
stutzig gemacht,. und noch andere Ver wandtschaften fielen ihnen auf. Celsus, der 
älteste und tüchtigste litterarische Bestreiter des Christenthums, hat in der Einleitung 
zu seiner Schrift die gefährdete Lage der Christen mit der des Sokrates verglichen. 
Leider kennen wir an dieser Stelle den Wortlaut seiner Ausführungen nicht mehr und 
wissen daher nicht, wie er sich aus dein fur seinen eigenen Standpunkt tödtlichen 
Vergleich herausgezogen hat. Eben derselbe Celsus behauptet auch, dass die Christen 
das Gebot, nicht Böses mit Bösem zu vergelten, einer Anweisung des Sokrates entnommen 
hätten, und dass auch ihre Unterscheidung einer menschlichen und einer göttlichen 
Weisheit dieser Quelle entstamme. Der Heide Cäcilius räth den Christen, wenn sie 
denn durchaus philosophiren wollten, Sokrates nachzuahmen und jene Zurückhaltung 
in Bezug auf die himmlischen Dinge zu üben, der er sich befleissigt habe. Lucian, 
der Spötter, behauptet, die Christen hätten einen ihrer hervorragenden Lehrer „den 
neuen Sokrates“ genannt. Galen gesteht einzelnen Christen zu, dass sie wie wahre 
Philosophen, also wie Sokrates, die sinnlichen Genüsse und den Tod verachten. Umgekehrt 
sucht Marc Aurel zu zeigen, dass die Uebereinstimmung des Sokrates und der Christen 
in der Todesbereitschaft nur eine scheinbare sei; denn jene sei selbstbewusst und 
voll keuschen Ernstes gewesen, diese aber unbesonnen und prahlsüchtig. Man erkennt 
deutlich — auch für die Gegner lag hier ein Problem. Nicht nur die Christen nahmen 
Sollrates fair sich in Anspruch; auch ihre Feinde fanden hier Uebereinstimmungen, 
die sie in Verwunderung setzten und für die sie nach Erklärungen suchen <pb id="ii-Page_13" n="13" />mussten. Gegenseitig bezichtigte man sich des Plagiats: Sokrätes 
hat die heilige Schrift geplündert; nein — Christus oder die Christen haben die 
griechische Philosophie bestohlen. So sehr empfand man das Gemeinsame, und so unfähig 
war man, es zü erklären!</p>
<p class="normal" id="ii-p18" shownumber="no">Aber — kann man einwenden —ist hier nicht Alles herüber und hinüber 
nur dialektisch-apologetische Kunst gewesen? War es den christlichen Philosophen 
wirklich Ernst mit ihrer Verehrung des Sokrates? Bei Justin kann darüber kein Zweifel 
sein und ebensowenig bei der Gruppe von Theologen, die sich unmittelbar ihm anschliesst, 
den alexandrinischen christlichen Gelehrten. Clemens, Origenes und ihre Schüler 
haben mit der gleichen Hochachtung von Sokrates gesprochen, wenn sie für Christen 
und wenn sie für das grosse Publikum geschrieben haben. Der Ausdruck „Hochachtung“ 
ist noch viel zu schwach: Sokrates war ihnen ein Zeuge der Wahrheit, ja der Zeuge 
innerhalb der griechischen Geschichte. Nöch mehr: Clemens Alexandrinus hat die ganze 
Geschichte der griechischen Philosophie von Sokrates ab nicht im Contraste zum Christenthum 
betrachtet, sondern als Vorhalle desselben wie das alte Testament, und auch Origenes 
und seine Schiller beurtheilten sie ähnlich. Wie war ihnen das möglich, da sie doch 
überzeugte kirchliche Christen waren und der Bedeutung der Person Christi nichts 
abzogen? Nun, möglich, ja selbstverständlich war es ihnen, weil sie in der christlichen 
Religion nicht ein e Religion sahen, sei es auch die wahre, sondern weil sie sie 
als die Religion erkannten, auf welche die religiöse Anlage aller Menschen hinweise 
und die sich in der Menschheitsgeschichte vorbereitet habe. Diese Erkenntniss machte 
sie nicht tolerant, sondern wahrhaft liberal, d. h. sie wussten das Gute, wo immer 
es sich zeigte, zu finden und zu schätzen und brachten es mit der christlichen Predigt 
in Verbindung. Dass die Tugenden der <pb id="ii-Page_14" n="14" />Heiden nur glänzende Laster, ihre Erkenntnisse sammt und sonders 
Irrthümer seien —von diesem trüben Gedanken waren sie noch weit entfernt. Freilich 
entfernten sie sich auch von jener Auffassung des Bösen und der Sünde, welche Paulus 
verkündigt hatte; aber man kann nicht sagen, dass sie die einzige ist, die sich 
mit dem Evangelium vereinigen lässt.</p>
<p class="normal" id="ii-p19" shownumber="no">Wie sehr Clemens und Origenes Sokrates geschätzt haben, erkennen 
wir am besten an der vollkommenen Unbefangenheit, mit der sie seine Aussprüche als 
anerkannte Wahrheiten citiren; ja Clemens verbindet sie sogar mit Bibelsprüchen. 
Origenes thut das nicht mehr; die Bibel steht ihm zu hoch, aber Sokrates ist auch 
ihm über jeder Kritik erhaben. „Er hat“, sagt er, „im Gefängniss mit vollkommener 
Furchtlosigkeit und mit aller Seelenruhe so viele und so erhabene Gedanken ausgesprochen, 
dass ihm kaum die zu folgen vermochten, die vollständig gefasst waren und von keiner 
drohenden Gefahr beängstigt wurden.“ Nur einmal erscheint seine unbedingte Verehrung 
erschüttert, wo er sich erinnern muss, dass Sokrates doch auch den Götzen geopfert 
hat. Aber mit Clemens ist er der Ueberzeugung, dass das Däinonium des Sokrates kein 
böser Geist gewesen ist, sondern ein Geist des Schutzes und der Wahrheit. Das ist 
die stärkste Probe ihres Glaubens an den Philosophen; denn es war für jeden Christen 
ein hartes Stück, dieses Dämonium anzuerkennen. Schon der blosse Name musste abschrecken. 
Am lehrreichsten aber ist es, zu sehen, wie Origenes in seinem grossen Werke gegen 
Celsus den Uebereinstimmungen zwischen Sokrates einerseits und Christus und den 
Christen andererseits nachgeht. Tausend Jahre später haben die Schüler des heiligen 
Franciskus „Conformitates“ zwischen ihrem Meister und Jesus aufgesucht und zusammengestellt. 
Dasselbe hat bereits Origenes gethan; nur einige seien angefuhrt: Jesus ist eines 
schmählichen Todes gestorben, Sokrates auch; <pb id="ii-Page_15" n="15" />Jesus hat gelehrt, den. Tod nicht fur ein Unglück zu achten und 
ihm gegenüber furchtlos zu bleiben, Sokrates auch; Jesus hat die Sunder zu sich 
gerufen, Sokrates hat den Phädon aus einem schlechten Hause herausgenommen und ihn 
der Philosophie zugeführt, von Jesus werden höchst wunderbare und anscheinend unglaubwürdige 
Geschichten berichtet, von Sokrates auch; Jesu Sprüche und Gleichnisse bedürfen 
der allegorischen Erklärung, Sokrates’ Mythenerzählungen ebenfalls; aus Jesu Verkündigung 
endlich hauen sich verschiedene Secten und Schulen entwickelt, nicht anders aus 
der Lehre des Sokrates.</p>
<p class="normal" id="ii-p20" shownumber="no">Diese Hochschätzung des athenischen Philosophen hat Origenes 
auf seine Schüler übertragen. In der Lobrede, die Gregorius Thaumaturgus seinem 
Meister gehalten hat, weiss er ihm kein höheres Lob zu spenden als in den Worten: 
„Wie Sokrates hat mich Origenes gezügelt und geleitet.“ Ebenderselbe Gregorius bezeichnet 
das sokratische Wort „Erkenne dich selbst“ als das Gebot der tiefsten Weisheit. 
Ein anderer christlicher Philosoph, Methodius, eignet sich die Auffassung vollkommen 
an, die Sokrates über den Tod ausgesprochen hat. In die Weltchronik des Eusebius 
ist Sokrates als der „Philosophos kathartikos“, der Philosoph „der Reinigung“, aufgenommen, 
der durch „den Wahnsinn“ der Athener den Tod erlitten hat. Damit erschien das christliche 
Uriheil über Sokrates für alle kommenden Zeiten in einem maassgebenden Werke festgelegt. 
Aber auch mitten im bewegten Leben und in der Todesstunde haben christliche Märtyrer 
des 3. Jahrhunderts noch immer des Sokrates gedacht und sich auf ihn berufen, so 
Pionius und Phileas. „Ich opfere nicht; denn ich wache eifersüchtig über meine Seele. 
Nicht nur wir Christen than so, sondern auch Heiden; nimm Dir den Sokrates als 
Beispiel: da er zum Tode geführt wurde und seine Gattin und Kinder neben ihm standen, 
kehrte er nicht um, sondern nahm <pb id="ii-Page_16" n="16" />bereitwillig den Tod auf sich.“ Aus dem ganzen Gebiet des G r 
i e c h e u t h ums s ist mir in der Zeit vor Konstantin neben Theophilus von Antiochien, 
den ich bereits erwähnt habe, nur noch ein Christ bekannt, der sich abschätzig über 
Sokrates geäussert hat. Dieser Eine — es ist der Verfasser der clementinischen Homilien, 
und er beschuldigt SOkrates grober Unsittlichkeit —ist aber nur seiner Sprache nach 
ein Grieche; in Wahrheit ist er ein jüdisch-syrischer Christ. Der griechische Geist 
liess sich seinen Sokrates nicht rauben, auch dann nicht, als er sich dem Evangelium 
unterworfen hatte.</p>
<p class="normal" id="ii-p21" shownumber="no">Aber wer kann behaupten, dass sich diese Verbindung der Lehre 
des Sokrates und Christi auf eine vollständige und tiefe Einsicht in die Eigenthümlichkeit 
Beider gründete? Man darf wohl sagen: sie kam zu früh, und sie floss mehr aus der 
sittlichen Stimmung, dem Willen und der Verehrung als aus gesicherter Erkenntniss. 
That man nicht Beiden Gewalt an, indem man sie einander  so nahe rückte, und gab 
man nicht wesentliche Gedanken des Christenthums preis, wenn man hier nur Uebereinstimmungen 
sehen wollte? Die abendländischen Theologen sind es gewesen, die dies erkannt 
haben, die Lateiner, die durch kein ursprüngliches Band mit Sokrates und dem Griechenthum 
verbunden waren. Sie haben den Unterschied und Gegensatz znm Ausdruck gebracht. 
Aber indem sie das thaten, wurden sie in der Negative ungerecht; denn eine relative 
und wahrhaft geschichtliche Betrachtung gab es überhaupt noch nicht. Doch haben 
es nur zwei unter ihnen, Minucius Felix und Novatian, über sich gebracht, den grossen 
Philosophen als verführten und verführenden Irrgeist, ja als „attischen Schalksnarren“ 
einfach bei Seite zu schieben. Die beiden einflussreichsten abendländischen Apologeten, 
Tertullian und Lactantius, haben ein widerspruchvolles <pb id="ii-Page_17" n="17" />Bild des Sokrates entworfen, in welchem aber die ungünstigen 
Züge weit überwiegen.</p>
<p class="normal" id="ii-p22" shownumber="no">Tertullian räumt in seiner grossen Vertheidigungsschrift fill. 
das Christenthum ein, dass Sokrates die falschen Götter verworfen habe und dass 
er  deshalb verurtheilt worden sei. Daher lässt er ihm den Titel des Weisesten 
der Griechen. „Er erkannte etwas von der Wahrheit“, sagt er, „und ein gewisser 
Anhauch 
derselben hat ihn den Göttern Trotz bieten lassen.“ „In ihm ist die Wahrheit im 
Voraus verdammt worden, und sein Tod ist das grosse Beispiel, dass sie zu allen 
Zeiten den Menschen verhasst gewesen ist.“ Auch die Schwurformeln des Sokrates „beim 
Hunde und dem Holze“ will Tertullian so deuten, dass die Götzen dadurch verspottet 
werden sollten. In allen diesen Uriheilen, nur nicht in dem letzten, stimmt Lactantius 
mit ihm überein; er rechnet es aber Sokrates ausserdem noch zu hohem Lobe, dass 
er sich für das Nicht-Wissen entschieden und die ganze Philosophie in Ethik verwandelt 
habe. Äber damit ist auch das Lob des Philosophen bei beiden Apologeten erschöpft, 
und tiefe Schatten verdunkeln es: dieser Sokrates ist doch ein falscher, ja letztlich 
ein unsittlicher Philosoph gewesen; den christlichen Häretikern, nicht der Kirche, 
hat er Stoff für ihre Lehren gegeben; er hat die Wahrheit nicht besessen, sondern 
sie nur gesucht, ja nicht einmal ernsthaft — mit dem Wunsche sie zu finden — gesucht; 
von einem bösen Dämon. hat er sich leiten lassen; die Jugend hat er zu abscheulichen 
Lastern verführt, die Weibergemeinschaft hat er empfohlen; im Grunde war er irreligös, 
denn er verkündete, dass das, was über uns ist, uns nichts angehe, und endlich — 
auch jenen Anhauch von Wahrheit, der ihn die falschen Götter verachten lehrte, 
hat er in der Todesstunde eingebüsst; denn er liess dem Aeskulap einen Hahn schlachten!</p>
<pb id="ii-Page_18" n="18" />
<p class="normal" id="ii-p23" shownumber="no">In dem letzten Urtheil haben Tertullian und Lactäntius die heiligste 
Erinnerung der Antike, gleichsam ihr Evangelium, anzutasten gewagt — den sterbenden Sokrates. Die Seelenstärke, die er in der Todesstunde bewiesen, seine 
letzten Reden, das Zeugniss, das  er in Wort und That für den Adel und die Unsterblichkeit 
der Seele abgelegt, hatten ihn zum Heiligen des Alterthums gemacht. Alles Uebrige 
von ihm und  seiner Lehre war verblasst und vergessen; Niemand achtete darauf; 
um so heller strahlte, der Confessor und der Märtyrer. Diesen wagte Tertullian 
anzugreifen und in den Staub zu ziehen, und weshalb? Weil er in der Todesstunde 
befohlen hatte, dem Aeskulap einen Hahn zu schlachten! Alle griechischen Apologeten 
sind schweigend über diesen dunklen und peinlichen Punkt hinweggegangen; aber auch 
Tertullian selbst hat gefühlt, dass er die wundervolle Grösse des sterbenden Sokrates 
nicht durch den ein en Hinweis auf das Hahnenopfer niederreissen könne. Wollte er 
das Evangelium der Antike vernichten in der Ueberzeugung, dass nicht wahrhaft gross, 
nicht rein und heilig gewesen sein könne, wer der Offenbarung entbehrte und den 
Dämonen noch geopfert hat, so musste er Zug  um Zug all das Herrliche vernichten, 
was Plato im Phädon und sonst von dem sterbenden Sokrates berichtet hatte. Lange 
ist er selbst vor dieser furchtbaren Aufgabe zurückgeschreckt; erst in einem seiner 
letzten Werke hat er sie vollzogen. Die grosse Untersuchung Tiber .das Wresen und 
die Unsterblichkeit der Seele, die wissenschaftlich bedeutendste Arbeit, die wir 
aus seiner Feder besitzen, nöthigte ihn, sich mit Sokrates auseinanderzusetzen. 
Wer über dieses Thema schrieb, musste zu Plato’s Phädon Stellung nehmen, das war 
selbstverständlich; aber Tertulliau musste das erst recht, da er im Grunde dasselbe 
über die Unsterblichkeit der Seele zu sagen hatte, was der sterbende Sokrates gelehrt. 
Wie wird er <pb id="ii-Page_19" n="19" />ihn also ins Unrecht setzen können? Hören wir seine Ausführungen; mit Bedacht sind sie bereits im Prologe entwickelt, eröffnen also das Werk:</p>
<p class="normal" id="ii-p24" shownumber="no">„Im Kerker des Sokrates wurde über den Zustand der, Seele verhandelt. 
Wenn auch auf den Ort nichts ankommt, so ist mir doch Allem zuvor zweifelhaft, ob 
die Zeit für den, der hier Belehrungen ertheilt hat, eine gelegene war. Denn was 
sollte wohl die Seele des Sokrates in jenem Augenblick noch mit Evidenz erkannt 
haben, da das heilige Schifflein schon vom Lande abgestossen, der Schierlingsbecher 
bereits getrunken und die Seele, wenn es nach der Ordnung der Natur ging, durch 
die Nähe des Todes nothwendig in eine gewisse Erregung versetzt war? Wie heiter und ruhig sie auch gewesen sein mag, wie wenig sie sich auch unter die weichen 
Gefühle der Natur beugen liess, sie war doch in Unruhe durch die Anstrengung, nicht 
unruhig zu werden, sie war in ihrer Standhaftigkeit erschüttert durch die krampfhafte 
Niederzwingung. der Schwäche. Weiter, wofür wird ein zu Unrecht Verurtheilter sonst 
noch Sinn haben als Trostgründe aufzusuchen in Bezug auf die Unbill? Zumal der Philosoph, 
dieses vom Ruhm lebende Geschöpf! So gratulirte sich denn Sokrates selbst zu seinem 
Tode, weil es besser sei, ungerecht als gerecht verurtheilt zu werden, und, um seinen 
Anklägern ihren Triumph zu rauben, demonstrirte er die  Unsterblichkeit der Seele. 
Also stammte die ganze damalige Weisheit des Sokrates aus den Anstrengungen eines 
tendenziösen Gleichmuttis, nicht aus der Zuversicht der erlebten Wahrheit. Denn 
wer kann der Wahrheit inne werden ohne Gott? wer Gott erkennen ohne Christus? wer 
Christum finden ohne den heiligen Geist? Näher liegt es gewiss, bei Sokrates einen 
ganz anderen Geist anzunehmen; denn man sagt ja, dass ihn von Kindheit an ein Dämon 
begleitet habe. Indess, wenn selbst dieser Sokrates, den der pythische Dämon als 
den Weisesten <pb id="ii-Page_20" n="20" />bezeichnet, die Unsterblichkeit der Seele bezeugt hat, 
um wie viel mehr Gewicht hat das Zeugniss der christlichen Weisheit, bei deren 
Anhauch die ganze Macht der Dämonen zurückweicht! Sie ist die Weisheit aus der 
Schule des Himmels; sie leugnet kühn die Götter dieser Welt; sie erweist sich 
nicht als zweideutig durch den Befehl, dem Aeskulap einen Hahn zu opfern; sie 
fuhrt keine neuen Dämonen ein; sie verfuhrt die Jugend nicht, sondern lehrt sie 
Alles, was keusch und züchtig ist. Weil sie so ist, darum hat sie die ungerechte 
Verurtheilung nicht bloss von Seiten einer Stadt, sondern des ganzen Erdkreises 
fur die Wahrheit zu ertragen, für die Wahrheit, die um so verhasster ist, je 
vollkommener sie erscheint. Sie schlürft auch nicht den Tod in heiterem 
Feierkleid aus einem Becher, sondern muss ihn nebst allen Erfindungen der 
Grausamkeit am Kreuz und auf dem Scheiterhaufen durchkosten, und sie stellt in 
dem viel finstereren Kerker dieser Welt ihre Untersuchungen über die Seele mit 
ihren Phädonen nach den Anweisungen Gottes an. Der wahre Lehrmeister der Seele 
ist ihr Schöpfer. Von ihm allein sollst du lernen, und wenn nicht von ihm, dann 
von keinem Anderen; denn wer kann enthüllen, was er bedeckt hat? Dort soll man 
fragen, wo man, auch ohne Antwort zu erhalten, am sichersten geht. Es ist besser, 
etwas durch Gott nicht zu wissen, weil er es nicht geoffenbart hat, als durch 
einen Menschen zu wissen, weil er über werthlose Muthmaassungen doch nicht 
hinauskommt.“</p>
<p class="normal" id="ii-p25" shownumber="no">„Wehe, wehe, du hast sie zerstört, die schöne Welt“ — so muss 
man ausrufen. Und mit welchen Mitteln zerstört! Wie kreuzt sich in diesen Ausführungen 
die Ueberzeugung von der unerreichten Höhe des Evangeliums mit abscheulicher Sophistik! 
Hat Tertullian selbst an diese pfäffischen Ausführungen geglaubt, war es ihm Ernst 
mit dieser Kritik des sterbenden Sokrates? Ja und nein! Ernst war es ihm mit seiner 
Theorie, mit dem <pb id="ii-Page_21" n="21" />Glauben, dass die Wahrheit ausschliesslich in der biblischen 
Offenbarung zu finden sei; aber er hat wider sein Wissen und sein Gewissen gezeugt, 
wenn er dieser Theorie zu Liebe die Thatsachen beugte und den Sokrates in den Staub 
zog. Lässt sich doch unschwer bemerken, dass bei Tertullian hinter der ungerechten 
Verurtheilung noch immer eine scheue Anerkennung unüberwindlich ruht. Der Mann, 
der einst das herrliche Biichlein „<span id="ii-p25.1" lang="LA">De testimonio animae 
naturaliter Christianae</span>“ 
geschrieben hat, vermochte es doch nicht über sich zu bringen, dein Sokrates zum 
zweiten Mal den Schierlingsbecher zu reichen. Ein Funke griechischer Auffassung 
lebte auch noch in ihm, jener Ueber zeugung von der Einheit der geistigen und der 
religiösen Function. Aber — wenn bereits Sokrates fur die Wahrheit gestorben war, 
was blieb für Jesus Christus übrig. Mit Recht empfand Tertullian, dass hier etwas 
viel Höheres in die Geschichte eingetreten sei, aber er vermochte dieser Empfindung 
nur auf Kosten des Sokrates Ausdruck zu geben.</p>
<p class="normal" id="ii-p26" shownumber="no">Doch — den letzten Schritt hat erst Augustin Bethau, und zwar 
durch seine furchtbare Theorie, dass alle Tugenden der Heiden nur glänzende Laster 
gewesen seien. Erst diese Lehre tauchte Alles in dunkle Nacht, was das Alterthum 
Erhabenes und Grosses hervorgebracht hat. Aber — wie so oft in der Geschichte — 
eben wenn eine einseitige Betrachtung bis zur letzten Spitze durchgeführt ist, stellt 
sich der Umschlag und der Fortschritt in der Methode der Erkenntniss ein. Man kann 
die augustinische Theorie auch als den Anfang der Einsicht fassen, dass  Religion 
etwas Anderes ist als ein Wissen, dass griechische Philosophie und Christenthum 
zwei specifisch verschiedene Grössen sind, dass daher jede für sich zu betrachten 
und nach verschiedenen Maass stäben zu würdigen ist. Das ist der volle Gegensatz 
zu der Meinung der griechischen Apologeten, beide gehörten einfach <pb id="ii-Page_22" n="22" />zusammen und die eine liesse sich aus der anderen deuten und 
erklären. Wohl giebt es eine letzte Betrachtung, nach welcher diese Auffassung 
ein Recht hat, aber zunächst bildete sie ein starkes Hemmniss für das Verstäudniss 
beider Grössen. Der, welcher sie auseinander gerissen hat, hat damit, ohne es zu 
wissen und zu wollen, der Erkenntnis einen Dienst geleistet. Auf dem abendländischen 
Boden, nicht auf dem griechischen, ist, freilich erst nach Generationen die zutreffendere 
Erkenntnis des Christenthums und auch des Sokrates erwachsen, und heute wissen wir 
besser als es irgend Jemand im zweiten Jahrhundert gewusst hat, was sie trennt und 
was sie verbindet. Wir nehmen Christus nicht mehr für die Philosophie in Anspruch 
und Sokrates nicht mehr für das Christenthum: wir erkennen, dass an die Höhe des 
Evangeliums nichts heranreicht: aber doch bezeugen wir mit Justin, dass auch in 
Sokrates der Logos gewaltet hat.</p>
<p class="normal" id="ii-p27" shownumber="no">Ich bin am Schlusse, aber ein Doppeltes möchte ich Ihnen, meine 
Herren Commilitonen, noch ans Herz legen: erstlich, was Sie auch studiren mögen, 
vernachlässigen Sie die Geschichte sucht, die grosse Geschichte und die Ihrer Wissenschaft. 
Glauben Sie nicht, dass Sie Erkenntnisse einsammeln können. ohne sich mit den Persönlichkeiten 
innerlich zu heriihren, denen man sie verdankt, und ohne den Weg zu kennen. auf 
dein sie gefunden worden sind. Keine höhere wissenschaftliche Erkenntniss ist eine 
blosse Thatcher eine pede ist einmal erlebt worden. und an dem Erlebniss haftet 
ihr Bildungswerth. Wer sich damit begnügt, nur die Resultate sieh anzueignen. gleicht 
dem Gärtner. der seinen Garten mit abgeschnittenen Blumen bepflanzt. Sodann aber 
—erkennen Sie an der Geschichte des Sokrates, was den wahrhaft grossen Mann macht 
und was von ihn bleibt. Nur der Theil seiner Philosophie ist geblieben, den er durch 
die That besiegelt <pb id="ii-Page_23" n="23" />hat, alles Andere ist vergessen. Auch an Sie stellt die Wissenschaft, 
zu der Sie berufen sind, nicht nur die Anforderung zu forschen und zu lernen, sondern 
lebendige Zeugen des Wahren und Guten zu werden, Männer, die da bereit sind, um 
dieser Güter willen jedes Opfer zu bringen. Der Dienst der Wahrheit ist Gottesdienst, 
und in diesem Sinne sollen Sie ihn treiben.</p>

</div1>

    <div1 id="iii" next="iv" prev="ii" progress="95.21%" title="Nachweise.">
<h2 id="iii-p0.1">Nachweise.</h2>
<p class="index1" id="iii-p1" shownumber="no">Justin, Apol. I, 2. 5. 18. 46; II, 3. 7. 10.</p>
<p class="index1" id="iii-p2" shownumber="no">Tatian, Orat. 3.</p>
<p class="index1" id="iii-p3" shownumber="no">Athenagoras, Suppl. 31.</p>
<p class="index1" id="iii-p4" shownumber="no">Theophilus Antioch., Ad Autolycum III, 2.</p>
<p class="index1" id="iii-p5" shownumber="no">Die Christen bei Lucian, Peregr. Prot. 11 f.</p>
<p class="index1" id="iii-p6" shownumber="no">Isidor, der Sohn des Basilides, bei Clemens Alex., Strom. VI, 6. 53.</p>
<p class="index1" id="iii-p7" shownumber="no">Die Acten des römischen Märtyrers Apollonius 19. 38 ff.</p>
<p class="index1" id="iii-p8" shownumber="no">Tertullian, Apol. 14. 22. 39. 46. Ad nat. I, 4. 10. De anima 1.</p>
<p class="index1" id="iii-p9" shownumber="no">Hippolyt, Refut. 
I (Prooem.) 17. 18; VIII, 4.</p>
<p class="index1" id="iii-p10" shownumber="no">Clemens Alexandrinus, Strom. I, 17, 83; I, 21, 133; II, 20, 120; 
II, 22, 131; IV, 3, 10; IV, 7, 52; IV, 12, 80; V, 14, 91. 95. 97. 108; VI, 2, 
5.</p>
<p class="index1" id="iii-p11" shownumber="no">Origenes, Contra Celsum I, 3. 17. 25. 64; II, 17. 41; III, 13. 25. 66. 67; IV, 39. 59. 62. 67. 68. 89. 97; V, 20. 21; VI, 8; VII, 6. 56; VIII, 
8.</p>
<p class="index1" id="iii-p12" shownumber="no">Minucius Felix, Octavius 26, 9; 38, 5.</p>
<p class="index1" id="iii-p13" shownumber="no">Pseudo-Cyprian (Novatian), Quod idola dii non lint 6.</p>
<p class="index1" id="iii-p14" shownumber="no">Pseudo-Clemens Rom., Homilien V, 18.</p>
<p class="index1" id="iii-p15" shownumber="no">Dionysius Alex., De natura (Fragm. bei Routh, Reliq.<sup>2</sup> IV p. 417).</p>
<p class="index1" id="iii-p16" shownumber="no">Gregorius Thaumaturgus, 
Lobrede auf Origenes 7. 11.</p>
<p class="index1" id="iii-p17" shownumber="no">Die Acten des Märtyrers Pionius 16f. (herausgeg. von v. Gebhardt).</p>
<p class="index1" id="iii-p18" shownumber="no">Die Acten des Märtyrers Phileas (bei Ruinart p. 519 des Regensburger Nachdrucks).</p>
<p class="index1" id="iii-p19" shownumber="no">Methodius, De resurr. I, 62.</p>
<p class="index1" id="iii-p20" shownumber="no">Arnobius, Adv. nationes I, 40; V, 38.</p><pb id="iii-Page_24" n="24" />
<p class="index1" id="iii-p21" shownumber="no">Lactantius. Divin. instit. II, 3. 14; III, 3. 4. 6. 13. 17. 19. 
20. 21. 28. 30; V, 14; VI, 17; VII, 2; Instit. Epitome 23. 26. 32. 35. De ira dei 
1. 11.</p>
<p class="index1" id="iii-p22" shownumber="no">Eusebius, Chronic. zu Olymp. 86, 3 u. 95, 2.</p>
<hr style="width:20%; margin-top:12pt; margin-bottom:12pt" />
<p class="index1" id="iii-p23" shownumber="no">Celsus bei Orig. c. Cels. I, 3; VI, 12; VII, 58.</p>
<p class="index1" id="iii-p24" shownumber="no">Cäcilius bei Minucius Felix, Octay. 5. 12; 13. 1.</p>
<p class="index1" id="iii-p25" shownumber="no">Galen bei Abulfeda, Hist. Anteislamit. (p. 109 herausgeg. von Fleischer).</p>
<p class="index1" id="iii-p26" shownumber="no">Marc Aurel, Meditat. XI, 3.</p>
<hr style="width:20%; margin-top:12pt; margin-bottom:12pt" />
<p class="index1" id="iii-p27" shownumber="no">Vgl. F. Ch. Baur, Sokrates und Christus (Abhandl. herausgeg. 
v. Zeller 1876). W. Windelband, Platon 1899. E. Brenning, Die Gestalt 
des Sokrates in der Litteratur des vorigen Jahrhunderts (Bremer Festschrift zur 
45. Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner) 1899, S. 421 bis 481.</p>

</div1>

    <!-- added reason="AutoIndexing" -->
    <div1 id="iv" next="iv.i" prev="iii" title="Indexes">
      <h1 id="iv-p0.1">Indexes</h1>

      <div2 id="iv.i" next="toc" prev="iv" title="Index of Pages of the Print Edition">
        <h2 id="iv.i-p0.1">Index of Pages of the Print Edition</h2>
        <insertIndex id="iv.i-p0.2" type="pb" />

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<!-- Start of automatically inserted pb index -->
<div class="Index">
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